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Ein Jahr Therapieboot „Aquamarin“ — was es leistet, was es verändert, und was noch fehlt
Psychische Erkrankungen gehören zu den größten gesundheitlichen Herausforderungen junger Menschen. Gleichzeitig fehlen vielerorts passende Behandlungsangebote und Therapieplätze. Deshalb findet für ein zweites Therapie-Hausbootes der Tagesklinik der Kinder- und
Jugendpsychiatrie Potsdam ein Benefizkonzert statt.
Vor diesem Hintergrund entstand die Idee einer Therapie-Tagesklinik auf dem Wasser. Entwickelt wurde das Konzept von Dr. Stephan A. Towfigh, Chefarzt der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie am Klinikum Ernst von Bergmann in Potsdam. Mit der „Aquamarin“ wurde im Mai 2025 das erste Therapieboot für Kinder und Jugendliche in Deutschland in Betrieb genommen. Die Finanzierung des Bootes wurde durch zahlreiche Spenden ermöglicht, die in enger Zusammenarbeit zwischen der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und der KiHi Kinderhilfe Potsdam e.V. eingeworben wurden. Das Therapieboot liegt heute in Ketzin an der Havel und wird von der Klinik betrieben.
Auf dem Therapieboot erhalten Kinder und Jugendliche die gleiche fachärztliche und therapeutische Betreuung wie in einer klassischen Tagesklinik. Zum Behandlungskonzept gehören Beschulung, Einzel- und Gruppentherapien, pädagogische Begleitung, Bewegung, gemeinsame Aktivitäten sowie die enge Zusammenarbeit mit Familien, Schulen und weiterbehandelnden Einrichtungen. Die besondere Umgebung auf dem Wasser ergänzt die therapeutische Arbeit und schafft einen geschützten Rahmen für Behandlung, Lernen und persönliche Entwicklung.
Ein Jahr nach der Inbetriebnahme hat sich das Therapieboot als fester Bestandteil der kinder- und jugendpsychiatrischen Versorgung etabliert. Das Zusammenspiel aus professioneller Behandlung, klaren Tagesstrukturen, Bewegung und Naturerleben hat sich im therapeutischen Alltag bewährt. Die Erfahrungen aus dem ersten Betriebsjahr werden durch die Klinik wissenschaftlich ausgewertet.
Gleichzeitig bleibt der Bedarf hoch. Die vorhandenen Therapieplätze reichen nicht aus. Wartezeiten sind vielerorts lang und wertvolle Zeit geht verloren. Deshalb ist bereits ein zweites Therapieboot in Planung.
Die „Aquamarin“ ist das erste von zwei geplanten Therapiebooten. Während das Klinikum Ernst von Bergmann den Betrieb, die Fachkräfte und die laufenden Kosten übernimmt, unterstützt die KiHi Kinderhilfe Potsdam e.V. die Finanzierung des zweiten Bootes durch Spenden. Rund 300.000 Euro konnten bereits eingeworben werden und so konnte der Bau des zweiten Therapiebootes beginnen. Für die Fertigstellung werden noch etwa 200.000 Euro benötigt. Ziel ist es, das zweite Boot möglichst noch in diesem Jahr in Betrieb zu nehmen. Gemeinsam sollen beide Therapieboote künftig rund 20 tagesklinische Therapieplätze bereitstellen und jährlich etwa 200 Kinder und Jugendliche begleiten. Jede Unterstützung hilft dabei, zusätzliche Therapieplätze zu schaffen und jungen Menschen frühzeitig Hilfe anzubieten.
Benefizkonzert mit Max Raabe und Christoph Israel, 15.09., 19 Uhr, Nikolaisaal, www.kihi-kinderhilfe.de
EVENTS sprach mit den Initiatoren:
Dr. Stephan A. Towfigh, Initiator und Chefarzt der Kinder- und Jugendpsychiatrie am Klinikum Ernst von Bergmann:
Warum brauchen Kinder heute mehr Unterstützung als früher?
Kinder wachsen heute in einer Welt auf, die schneller, digitaler und komplexer geworden ist. Viele erleben Leistungsdruck, soziale Vergleiche über soziale Medien und eine ständige Erreichbarkeit. Gleichzeitig fehlen häufig geschützte Räume, in denen sie einfach Kind sein dürfen.
Warum ist das Therapie-Hausboot etwas Besonderes?
Das Hausboot schafft Abstand vom Alltag. Kinder betreten keinen klassischen Klinikflur, sondern einen besonderen Ort auf dem Wasser. Die Atmosphäre ist offener und weniger belastend. Viele Jugendliche öffnen sich hier leichter.
Ihr Wunsch für die Zukunft?
Wir müssen früher handeln und Unterstützung anbieten, bevor aus kleinen Sorgen große Belastungen werden.
Jochim Sedemund, Vizepräsident der Kinderhilfe Potsdam e.V.:
Warum unterstützen Sie das Projekt?
Bildung ist weit mehr als Unterricht und Noten. Kinder brauchen Orientierung, Vorbilder und die Chance, ihre Talente zu entfalten. Wer Kindern hilft, investiert in Bildung und damit in die Zukunft unserer Gesellschaft.
Dorothea Vehlewald, Schatzmeisterin der KiHi Kinderhilfe Potsdam e.V.:
Warum lohnt sich jede Spende?
Jede Spende macht einen Unterschied. Aus vielen kleinen Beiträgen ist ein Projekt entstanden, das Kindern und Jugendlichen neue Chancen und Perspektiven eröffnet.
Dr. med. Tanja Fischer, Präsidentin KiHi Kinderhilfe Potsdam e.V.:
Warum ist Ihnen das Therapie-Hausboot so wichtig?
Mich beschäftigt, dass immer mehr Kinder und Jugendliche mit Ängsten, Einsamkeit und psychischen Belastungen kämpfen. Für mich ist das Therapie-Hausboot ein Symbol dafür, dass innovative Ideen und gemeinsames Engagement etwas bewegen können. Es zeigt, dass wir Kindern neue Chancen und Perspektiven eröffnen können, wenn wir den Mut haben, neue Wege zu gehen.
Gemeinsame Vision
Wir wünschen uns, dass wir in Deutschland viel stärker auf Prävention setzen. Unser Ziel sollte sein, Kinder früh zu erreichen, bevor aus kleinen Problemen große werden. Viele andere Länder sind hier bereits weiter.
Wer sich für andere Menschen engagiert, verändert nicht nur deren Leben, sondern oft auch sein eigenes. Das Gefühl, einen sinnvollen Beitrag zu leisten, schenkt Kraft, Zufriedenheit und neue Motivation. Davon profitieren wir alle. Helfen macht glücklich. Oder, um es mit einem Lied von Max Raabe zu sagen: „Heute ist ein guter Tag, um glücklich zu sein.“



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